Die Kuratorin

Die Journalistin sass allein mit einem Glas Wein in ihrer Loftwohnung, um sie herum Wände aus Sichtbeton. Auf dem Tisch ein Laptop und eine Tasse Ingwertee. Sie war eine Kuratorin der Popkultur. Sie suchte nach Bildern von Menschen und versah sie mit dem entsprechenden Subtext, erzählte die Geschichten.

Ihre liebste Geschichte spann sie immer weiter. Immer um eine neue Runde im selben Kreis. Manchmal erzählte jemand anderes, eine Runde lang vielleicht. Doch es war ihre Geschichte, sie war die Entdeckerin dieser Welt.

Begonnen hatte sie mit einem Foto einer jungen Frau auf einer Hochzeit. Sie hatte einen Blick dafür. Niemand wusste genau weshalb aber es gab Bilder bei denen sie wusste: Das würde alle Menschen interessieren. Die Frau die geheiratet hatte, war ein bisschen berühmt gewesen. Die Journalistin hatte aber gewusst, dass sich die Betrachter des Bildes für die jüngere Frau daneben interessieren würden, die ihr Kleid hielt. Es gab sicher Fotografen die diesen Blick ebenfalls hatten. Sie wusste gleich als sie erkannte, wie populär dieses Bild war, dass sie die Geschichte dieser jungen Frau erzählen musste.

Es war keine spannende Geschichte. Die junge Frau gab aber darauf ein Interview und erwähnte Probleme mit ihrem Freund. Daraus ergab sich ein Geschichtszweig. Die Cousine der jungen Frau war dann mit einem unrelevanten Musiker liiert, der dann natürlich berühmt wurde. So entwickelte sich das alles und die Journalistin spann die Geschichte weiter und weiter. Sie musste nicht viel machen. Es ging ausschliess darum, im Voraus zu erkennen welches Detail des aktuellen Inhalts morgen die Betrachter interessieren würde. Damit stellte sie sicher, dass es morgen wieder einen Inhalt gab, in dem die Journalistin nach Details suchen konnte. Solange sie nicht aufhörte, konnte sie das immer so weitermachen.

Die Betroffenen hatten sich schnell an ihre eigene Berühmtheit gewöhnt und obwohl niemand der Beteiligten über besondere Talente verfügte oder eine Agenda die über die eigene Bekanntheit hinausging verfolgte, wollten alle daran festhalten Berühmt zu bleiben. Und die Betrachter beteiligten sich ebenfalls. Diskutierten auf ihren lächerlichen Plattformen was als nächstes passieren würde. Bei den Dramen zwischen den Betroffenen gab es jeweils Teams aus Sympathisantinnen beider Seiten. Sie sah sich das alles an. War dem Ganzen immer einige Schritte voraus.

Sie nippte am warmen Tee und publizierte ihr neustes Werk. Sie war die Göttin dieses Universums.

J.B. Bachur: Schrift und Gesellschaft

GESELLSCHAFT ALS ATELIER D’ÉCRITURE

Traditionelle Sicht auf die Schrift und Bachurs Kritik

Gemäss Bachur wird Schrift in der Soziologie bisher „entweder als eine untergeordnete Modalität des Symbolgebrauchs oder als Spiegel einer starren Machtstruktur […] verortet“ (Bachur, 2017, S.12). Die Schrift wird der Rede in beiden Fällen untergeordnet und ausserhalb der eigentlichen Sozialität angesiedelt. Bachur stellt der Privilegierung der Rede gegenüber der Schrift den empirischen Fakt entgegen, dass die symbolische Sprache durch die Entwicklung der äusserlich-materiellen Symbolisierung stark beeinflusst wurde und wird. (ebd. S.18) Er sieht Schrift als soziokulturelle Technik der Stabilisierung des Zeichens, als Abbildung eines dreidimensionalen Geschehens in einer zweidimensionalen Darstellung. Dabei hebt er neben den Funktionen Kommunikation und Mnemotechnik eine dritte Funktion der Schrift hervor; das dokumentarische Substrat einer kollektiven Praxis der Textproduktion und –Rezeption. (ebd. S. 24) Er geht davon aus, dass die frühesten Schreibtechniken, bspw. diejenigen der Sumerer, primär den Zweck der Dokumentation erfüllten, nämlich das Festhalten von wirtschaftlichem und politischem Geschehen (ebd. S.25).

Vom medialen Paradigma zum Dokumentationsparadigma

Er will dem medialen Paradigma der Schrift, ein dokumentarisches Paradigma entgegenstellen, in dem die Schrift als Prozess der Inskription viel mehr ist als ein reines Medium oder eine potente Technik der Informationsübermittlung. Er sieht Schrift als eine soziale Praktik, als ein „Strom der Reproduktion typisierter Praktiken […], in denen sich implizites Wissen, Sinnmuster, Wissensordnungen, kulturelle Schemata, körperliche Gewohnheiten sowie intellektuelle und gegenständliche Artefakte verquicken“ (ebd. S.27). Durch die Inskriptionen und die textuellen Verkettungen, also die stetig wiederholende Rezeption bestehender Dokumente, lassen sich Bedeutungen stabilisieren und Fakten bilden, so dass die Gesellschaft dabei kontinuierlich verdichtet wird, da sich durch die dynamische Stabilisierung von Ding-Zeichen-Bezügen und durch deren graphisch systematisierte Darstellungen der Welt immer stärkere Wahrheitswerte herausbilden, die nicht in den Objekten liegen, sondern das Ergebnis kollektiver Arbeit darstellen. (ebd. S. 253/267ff) Denn die stark strukturierten Inskriptionen führen dazu, „dass die Konstruktion von wissenschaftlichen Fakten sich selbst als Konstruktion unsichtbar macht“ und die Fakten dadurch als objektiv wahrgenommen werden (Bachur bezieht sich hier auf die Arbeit Laboratory Life von Bruno Latour). (ebd. S.257ff) Eine (Schreib-)Praktik ist nach Bachur von Beginn weg materiell bedingt, die dokumentarische Sprache ist also auf Schrift angewiesen. Entgegen anderen praxeologischen Ansätzen gewichtet er nun die Schrift gegenüber anderen Artefakten stärker und definiert Schrift dabei sehr weit, indem er auch Berechnungen und Diagramme etc. dazuzählt. (ebd. S.28)

Wie wirkt die Dokumentierung auf das Soziale ein?

Diese Sicht auf die Schrift als Schreibpraktik ermöglicht es Bachur, neben der semiotischen Qualität der Schrift, also der sprachlichen Bedeutung, und der Schrift als Medium der Überbrückung von Zeit und Raum auch die ikonische Kraft des materiellen Schriftbildes herauszuarbeiten. Bachur geht davon aus, dass die Ikonizität der Schrift eine kollektive Schreibpraktik und somit einen produktiven sozialen Operationsraum konstituiert, in dem sich Wahrnehmungen, Kognitionen und Interaktionen in strukturierter Weise aufeinander beziehen. (ebd. S.29) Denn das Vorhandensein eines zu bearbeitenden, physisch vorhandenen Dokuments verlangt von den Beteiligten Aufmerksamkeit und ein spezifisches kollektives Verhalten, was die soziale Ordnung in diesem Subsystem strukturiert (ebd. S.253). Die aus verschiedensten Gründen zu erstellenden Dokumente und deren Bearbeitung fungieren also als Trigger für bestimmte kollektive Handlungsmuster (ebd. S. 239ff). Die Dokumente sind weniger auf eine kommunikative, sondern vielmehr auf eine registrierende Funktion ausgerichtet. Sie zielen also nicht auf eine aktuelle, sondern vor allem auf eine potentielle Rezeption, auf eine mögliche zukünftige Überprüfung und auf die Schaffung einer stabilen sozialen Ordnung durch Sedimentation ab. (ebd. S. 284) Anders als in der mündlichen Kommunikation, wo die Performanz nach Austin direkt aus der kommunikativen Situation erwächst, speist sich die performative Kraft des Dokuments nach Bachur aus der notwendigen kollektiven Arbeit, die darin steckt, und die Gewissheiten erschafft, welche einer Überprüfung standhalten und welche die Kontingenz im Alltag mildern (Bsp. Zahlenspiele der Banken bei Hochrisikogeschäften). (ebd. S.286ff)

Kritik an Bachur

In dem Bachur Schrift sehr weit definiert, bspw. auch mathematische Gleichungen, Zeichnungen etc. dazuzählt, und nicht zwischen Schreiben und Schrift unterscheidet, kann er Schrift als kollektive Praktik fassen und das mediale Paradigma der Schrift scheinbar überwinden. Wenn man jedoch eine Trennung zieht zwischen dem Schreiben bzw. der Bearbeitung eines Dokuments, dem Dokument mit seiner dreidimensionalen räumlichen Extension und der zweidimensionalen Schrift darauf, deren Unterschiede in meinen Augen evident scheinen, fällt seine Analyse in sich zusammen. Denn dann kommen die performative Kraft und die kollektive Arbeit nur dem Schreiben und Rezipieren zu, aber nicht der Schrift an sich. Diese wird zum sekundären Ergebnis der sozialen Praktik oder zum Medium für diese. Beides widerspricht den Thesen Bachurs diametral. Und es wird dann auch unklar, ob die im Buch beschriebene Ikonizität nicht vielmehr dem dreidimensionalen Objekt „Dokument“ zukommt als der Schrift. Man denke bspw. an eindrückliche Aktenstapel oder die möglichen Auswirkungen, wenn sich der Sozialarbeiter während eines Beratungsgesprächs Notizen macht, ohne dass das Vis-à-vis die Schrift sieht. Er müsste sein Buch meines Erachtens deshalb eher Schreiben/Dokumentation und Gesellschaft nennen und den unklaren Schriftbegriff aussen vor lassen. Der spannenden These des Dokumentationsparadigmas und der Ikonizität von Dokumenten täte dies keinen Abbruch.

Bachur, Joao Paulo (2017). Schrift und Gesellschaft – Die Kraft der Inskriptionen in der Produktion des Sozialen. Weilerswist: Velbrück Wissenschaft Verlag

Erich Fried – Fügungen

 

Es heisst
ein Dichter
ist einer
der Worte
zusammenfügt

Das stimmt nicht

ein Dichter
ist einer
den Worte
noch halbwegs
zusammenfügen

wenn er Glück hat

Wenn er Unglück hat
reissen die Worte
ihn auseinander

Fried, Erich (2012). Gedichte. München DTV-Verlag

Nein, ich will nicht.

Ja, Ich will. Post.ch

Von: Jan Amstutz
Gesendet: Montag, 20. November 2017 12:49
An: ‘kundendienst@post.ch’ <kundendienst@post.ch>
Betreff: Werbung

 

Guten Tag

Ich habe heute Ihren «ja, ich will» Brief erhalten. Nein, ich will nicht.

Ich möchte keine Werbung für Werbung erhalten obwohl ich einen keine Werbung Kleber auf meinem Briefkasten habe.

Was kann ich machen damit ich keine Werbung, auch keine Metawerbung, mehr erhalte?

Freundliche Grüsse

Jan Amstutz