Machtwortspiele Ihrer Gesundheit

In diesem Beitrag soll die Idee des Machtworts und dessen Subversion an einem Beispiel durchgespielt werden.

Wie wird die Sicht  «auf das Referenzobjekt dahingehend beeinflusst, dass eine der Sache selbst fremde Diskurs- oder Handlungslogik durchgesetzt wird»? Eine solche Einflussnahme könnte beispielsweise dann vorliegen, wenn innerhalb einer diskursiven Formation (im Sinne eines Gesellschaftszweigs mit eigenen Sprachregeln), die Bedeutung der Wörter aus der Perspektive der Logik einer anderen diskursiven Formation gedeutet werden.

Nun zu unserem Beispiel: Dem Gesundheitswesen. Hier soll untersucht werden, wie die erwähnte Einflussnahme von ausserhalb auf die diskursive Formation des Gesundheitswesens aussehen könnte und wie durch Sprachspiele Widerstand dagegen geleistet werden kann.

Im Gesundheitswesen geht es darum, den Zustand «gesund» bei Personen zu erhalten, ihn herzustellen oder Abweichungen von diesem Zustand zu begleiten. Doch was bedeutet «gesund»? Bereits für die Antwort dieser Frage ist die Medizin und Pflege auf diskursive Formationen ausserhalb des Gesundheitswesens angewiesen, da Gesundheit kein rein physiologischer Zustand ist. Trotz verschiedener diskursiven Formationen scheint es eine gemeinsame Definition von Gesundheit zu geben. So würden sicherlich die meisten Menschen dem ersten Teil der Gesundheitsdefinition der WHO von (1948) zustimmen:

“Gesundheit ist ein Zustand völligen psychischen, physischen und sozialen Wohlbefindens und nicht nur das Freisein von Krankheit und Gebrechen.”

Weit weniger Konsens besteht darüber, wie die Zielgrösse “gesund” erreicht oder erhalten werden kann. So würde in vielen diskursiven Formationen der zweite Teil der Gesundheitsdefinition der WHO in dieser Form kaum geteilt:

“Sich des bestmöglichen Gesundheitszustandes zu erfreuen ist ein Grundrecht jedes Menschen, ohne Unterschied der Rasse, der Religion, der politischen Überzeugung, der wirtschaftlichen oder sozialen Stellung.”

Die Frage nach den geeigneten Mittel für die Zielerreichung wird durch die Diskurse der Politik, der Ökonomie, der Sozialversicherungen und des Rechts ständig neu ausgehandelt. Daraus ergibt sich anschliessend eine Art Auftrag an das Gesundheitswesen.

Weil momentan die Ökonomie mehr Deutungsmacht hat als beispielsweise die Psychologie, hat die Spitex-Krankenschwester aufgrund der ökonomischen Logik der Effizienz keine Zeit, sich mit Patienten länger als einige Minuten zu unterhalten. Dies obwohl aus der Sicht anderer diskursiver Formationen, wie der Psychologie oder der Pflege, ein Gespräch pro Tag viel zum Erreichen und erhalten des Zustandes «gesund» von Personen beitragen könnte.

Eine Ökonomin oder ein Ökonom, der oder die ein Spital leitet (insbesondere wenn es bereits privatisiert [lat. privare “trennen”, “berauben”] wurde), wird die Wörter des Sprachspiels Gesundheitswesen anders deuten als eine Ärztin oder ein Pflegefachmann in der gleichen Position. Aus einer ökonomischen Perspektive geht es im Gesundheitswesen um Gesundheitsmanagement, um eine möglichst effiziente und effektive Erhaltung und Erreichung eines vorgegebenen Zustandes. Also mit möglichst wenigen Mitteln ein bestimmtes Ziel zu erreichen. Medizinisches Personal hingegen würde, zumindest in meiner Vorstellung, eher versuchen, mit den vorhandenen Mitteln möglichst viel zu erreichen. Wir haben es also hier mit Formationen zu tun, die um die Bedeutung von Worten kämpfen. Der Ökonomie gelingt es dabei zunehmend, ihre eigenen Signifikanten wie Management, Effizienz und Produkt in Diskurse einfliessen zu lassen, die diese Wörter vorher gar nicht kannten.

Diese typischen Machtwörter lassen sich sehr einfach als Spiel verstehen. Sie werden ständig mit verschobener Bedeutung verwendet. Für medizinisches Personal bedeutet Effizienz hoffentlich gar nicht, ein bestimmtes Ziel mit möglichst wenigen Mitteln zu erreichen, sondern eben genau anders herum mit den vorhandenen Mitteln möglichst viel zu erreichen. Ein Feldarzt in einem Lazaret wird beispielsweise versuchen mit seiner beschränkten Zeit und den unzureichenden Mitteln so viele Kriegsverletzte zu retten wie möglich.

Randgedanke: Das ethische Fundament der Medizin ist eigentlich auf eine Welt ausgelegt, in der der Medizin nur unzureichende Mittel zur Verfügung stehen, mit den heutigen Voraussetzungen (technologischer Fortschritt, erleichterter Zugang, Mobilität) ist diese Form der Ethik möglicherweise nicht mehr immer kompatibel.

In diesem Zusammenhang wäre es interessant, bei der Pflege zu schauen, wie bei der Verschiebung der «Haupteinflussformation» von der Religion (sichtbar an der Tradition der Diakonie beispielsweise im heute ebenfalls privatisierten Salem Spital) zur Ökonomie (sichtbar an den Titeln des Verwaltungsrates und der Geschäftsleitung im Lindenhofspital) die einzelnen Wörter ausgetauscht wurden und wie sich die Bedeutungen der Wörter, die geblieben sind, gewandelt haben. Was bedeutete Pflege für die Diakonin (vielleicht Helfen im Auftrag einer höheren Macht) und was bedeutet Pflege für Pflegende, die später ein Studium an der HSG absolviert haben (möglicherweise ein Markt, den es zu erschliessen und zu verwalten gilt)?

Wie können aber die Machtwörter nun verwendet werden, ohne den «Habermas’schen Geltungsansprüchen der Wahrheit, Richtigkeit und Wahrhaftigkeit zu genügen»? Indem sie ungeklärt bleiben. Indem nicht ausgehandelt wird, dass unter Pflege alle einen Markt verstehen (oder ein religiös motiviertes Helfen). Indem nicht (!) vom Gleichen gesprochen wird. Indem die eigene Arbeit als das verstanden wird, weshalb man einen Beruf gewählt hat, und indem diese Uneinigkeit ausgehalten und gelebt wird. Indem diese Wörter trotzdem verwendet werden, mit den eigenen, oftmals persönlichen Bedeutungen. So gewinnen die Symbole an Eigenleben und der diskursive Übergriff der Machtworte wird durch das beschriebene Sprachspiel behindert.

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