Die Macht der Therapie

 

Eintrag des 14. Juli 2015

Die Durchsicht der Unterlagen der in Frage kommenden Patienten der beginnenden Gruppentherapie ist beendet. Es wurden vier männliche Patienten ausgewählt. Alle vier haben ein ähnliches Delikt begangen. Es geht bei allen vier Fällen um Beziehungsdelikte die mit dem Tod ihrer jeweiligen Partnerin endeten. Keiner von ihnen hat seit dem jeweiligen Delikt weitere Formen der Aggression gezeigt. Aufgrund der tiefen Rückfallquote von Tätern bei Beziehungsdelikten [siehe Studie X, in Magazin Y) wurde die Therapie von der Abteilungsleitung bewilligt. Da dies die erste auf diese Weise durchgeführte Gruppentherapie mit Tätern schwerer Gewaltdelikten ist, werden die Gruppengespräche für Forschungszwecke in anonymer Form aufgezeichnet.

Die Therapie beginnt am kommenden Montag um 14:00 im Sitzungszimmer 5 im Gebäude K.

 

Eintrag des 20. Juli 2015

Protokoll der Gruppentherapie, erste Sitzung

Die Therapeutin heisst die Teilnehmenden willkommen und stellt das Konzept der deliktorientierten Gruppentherapie vor. [siehe von der Autorin erstelltes Konzept im Laufwerk Q:\Konzepte\Therapie]

Therapeutin (G.): Beginnen wir also mit der entscheidenden Frage. Sie sind wieder in der gleichen Situation, wie zum Zeitpunkt als Sie alle ihre jeweiligen Partnerinnen getötet haben. Was stehen ihnen für andere Handlungsmöglichkeiten offen? Möchten sie beginnen Herr B.?

B. P. : Sicher. Ich finde ich habe seither viel dazu gelernt. Ich hätte den Hammer einfach weglegen sollen. Ich hätte das Haus verlassen sollen, diese Frau verlassen sollen und irgendwie neu anfangen müssen. Oder wenn ich dies nicht geschafft hätte, hätte ich früher mit einer Therapie beginnen sollen. Wir hätten früher eine Paartherapie machen sollen um zu lernen über unsere Probleme zu sprechen. Es gab so viele Möglichkeiten. Ich würde den Hammer sicher weglegen. Es geht doch darum sich selbst kennenzulernen, sich zu organisieren.

P. K. : Ich sehe das anders. Es musste so sein. Ich würde niemals jemanden anderes töten aber meine Frau hat die armen kleinen Kinder ertränkt. Ich musste sie ebenfalls ertränken. Es gibt keine andere Form der Gerechtigkeit. Ich könnte nicht damit leben, wenn die Mörderin meiner Kinder irgendwo in einer Gruppentherapie sitzen würde um darüber zu sprechen was sie für andere Möglichkeiten gehabt hätte.

D. M. : Nein, der Tod ist nie gerecht. Sie hätte sich vielleicht auch verändert werden können, so wie es ja mit uns versucht wird. Ich selbst hätte mich selbst besser unter Kontrolle halten sollen. Hätte mein Leben besser strukturieren sollen, da draussen ist alles so durcheinandergeraten. Deshalb habe ich sie auch erschossen, ich hatte keine Kontrolle und es gab niemanden der mich kontrolliert hat. Wenn ich wieder draussen bin, werde ich meinem Leben einen Rhythmus geben, wie hier drin. Meine grösste Angst ist, dass mein Leben wieder zu einem unkontrollierten Durcheinander wird. Wenn ich es schaffe mich an meine Routinen zu halten, gibt es keine solchen Situationen.

M. S. : Kontrolle, Kontrolle. Das hat nichts damit zu tun bei mir. Sie hat mich gedemütigt mit diesem Jungen. Die Mutter meiner Kinder. Ich habe sie erwischt. Was soll man denn da machen? Weggehen und ein neues Leben anfangen? Ein Scheiss. Ich bin normalerweise nicht gewalttätig aber wer mich auf diese Weise demütigt [. . .]. Sie wusste das ich nach Hause komme. Sie hatte das vorbereitet. Ich habe sie zusehen lassen wie ich zuerst ihn totgeschlagen habe. Ich war in Rage. Ich weiss nicht ob es andere Handlungsmöglichkeiten gibt. Ich musste sie töten, ich war so gedemütigt [. . .], es gab keinen anderen Weg in diesem Moment. Ich weiss nicht ob ich nun eine andere Möglichkeit hätte.

Therapeutin (G.): Wie Herr B. richtig gesagt hat, geht es darum sich selbst zu kennen. Man muss sich führen können, sich bewusst sein was man will und kann. In dieser Therapie werden wir deshalb lernen wie alle von euch es schaffen können sich zu beherrschen.

 

Kommentar zur Textidee

Verschiedene Konzepte aus Michel Foucaults Überwachen und Strafen werden als Charaktere dargestellt. Die unterschiedlichen Machttypen (Biopolitik, neue Politik des Körpers, Disziplinarmacht und die Macht des Souveräns) sitzen sich als Täter gegenüber und die Gouvernementalität gibt sich als Therapeutin den Auftrag die Verkörperungen der einzelnen Machttypen in produktivere Bahnen zu lenken.

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