Schwärme

Die Gedanken schwärmen. Wie ein Bienenvolk von Baum zu Baum. Nicht als Einheit, schwirren sie scheinbar wirr umher. Tastend wie im Fiebertraum, suche ich nach etwas mehr. Nach einer Richtung in die ich treibe. Doch finde ich nur einen Grund dank dem ich nicht stehen bleibe – sei er lustig, spannend oder mir noch so zuwider. Er kommt bestimmt, der nächste Inhalt der mich gefangen nimmt, immer und immer wieder.

Warum es geht?

Die Wände des Ganges ziehen an mir vorbei. Es geht. Irgendetwas bewegt mich vorwärts. Immer dieses kurze Aufflackern der Ungewissheit wie es zu diesem Moment gekommen ist. Der Abschnitt des Aufwachens bevor die Illusion des Bewusstseins wieder die ganze Geschichte zusammengesetzt hat, beinhaltet jedes Mal die Möglichkeit des Scheiterns, des Abdriftens in einen Zustand der Anschlusslosigkeit und der Psychose. Aber da ist sie wieder, die Legende warum diese Wände meinen Gang flankieren.

Der Vergessene

Niemand wusste mehr, ob er erwartet wurde, was ihn erwarten würde. Er wollte zurückkehren in eine Welt, in der Mann hämmerte. Doch diese Welt war verschollen. Niemand fand diese Orte an denen man Schulter an Schulter zu Werke ging und abends mit dem guten Gefühl gemeinsam gelitten zu haben Bier trank. Es gab diese Geschichten von früher, Legenden und Mythen aus einer Zeit in der noch gemeinsam angepackt worden war. Doch er fand keine solche Gemeinschaft und die Welt war für alle jene die nicht alleine sein wollten, gemeiner geworden. Er versank in dieser Allgemeinheit.

Niemand wusste mehr ob er zuerst traurig geworden war und deshalb nicht mehr schlafen konnte oder ob er nicht mehr hatte schlafen können und deshalb traurig geworden war. Die Trauer aber stand ihm ins Gesicht geschrieben. Sie war eingemeisselt in jede Falte, die seinen Mund umgab und durchzog jede Furche seiner Stirn. Er war kein alter Mann doch die Trauer machte in zu Greisen. Sein matter Blick überflog die Welt vor ihm teilnahmslos, so als wäre er der Betrachter einer Umgebung mit der er nichts zu schaffen hatte. Vielleicht lag er richtig.

Die Achse des Guten

Sie waren die Achse des Guten. Sie zogen durch die Strassen mit Bannern, immer am Wochenende. Sie alle kämpften für die Wahrheit und die Natürlichkeit. Für das Gute, Wahre und Natürliche durfte – nein musste gekämpft werden. Sie überlegten sich, was zu tun ist. Sie organisierten sich in Arbeitsgruppen, die Welt sollte wieder zu einem friedlichen Ort werden. Es gab zu viel Unsicherheit und Undurchschaubarkeit. Zusammen heckte die Gruppe junger und alter Leute Pläne aus. Wie hoch die Mauern gebaut werden sollen, damit die Ordnung wieder Einzug halten konnte.

Bevor die Versprechungen wieder einlösbar werden konnten, hatten sie aber noch einige Arbeit vor sich. Viele Dinge, welche die heutige Welt mit Schlechtheit erfüllten, mussten weichen. Alles was vorher anders war, musste verschwinden. Das war klar. Es war offensichtlich – es mussten diese Unterschiede sein, die die Welt zu einer anderen machten.

Und so begannen sie die grossen Wirtschaftskonzerne und Finanzinstitute aus ihren Städten zu vertreiben. Denn diese hatte es früher nicht gegeben. Sie rissen die Glastürme nieder und setzten alle Filialen der Franchise Unternehmen in Brand. Dann zerstörten sie alle Mobiltelefone und Computer, die Welt wurde um einiges langsamer. Dann sagten die Männer den Frauen, sie sollen wieder zu Hause bleiben, zu Kindern und Haushalt schauen. Anschliessend mussten nur noch alle Menschen weichen, die sich dieser Ordnung nicht anpassen konnten. Für sie wurden grosse Zentren gebaut, wo sie glücklich harter Arbeit nachgehen konnten.

Von da an kehrte der Friede in die Welt zurück. Die Strassen waren sauber und es gab nicht fremdes oder kurioses. Die Mädchen machten den Abwasch und die Jungen mähten den Rasen. Alle nickten sich freundlich zu.

Doch dann wurde das alles langweilig und es gab wieder Gruppen und sie machten alles neu.

Zufriedenheit

Der König stand allein unter dem weiten, blauen Himmel. Nichts befand sich zwischen ihm und dem Firmament. Unter ihm fand das Leben statt, er wusste Bescheid. Kannte alle Formen, alle Auswüchse, Typen, Gewächse, Tiere und er wusste wie die Menschen waren. Wie die Welt sein musste. Regelmässig merzte er aus, jätete sein Königreich wie ein Garten. Sämtliche Lebensformen die er nicht kannte mussten weichen, denn nur so konnte er alles kennen. Er wollte sie gar nicht sehen, diese Dinge die es gar nicht gab. Deshalb mussten sie im Schatten bleiben, vergraben werden. Es musste alles so sein wie es war, denn er wusste alles. Es gab nichts Böses in dieser Welt, alles war freundlich und der König war sehr zufrieden. Mindestens drei Mal pro Tag nickte er sich selber zu. Er war ein guter König.

Fusszeilen

Mit dem Ziel sich zu erklären, versuchte er den Plan hinter den Ausführungen in Fusszeilen auszuführen. Alles was er sagen wollte stand dort wie in Klammern. Wie ein reissenden Strom drohte ihn der Fluss der Worte von dem was er sagen wollte wegzureissen und alles was er tun konnte war sich an den in mikroskopischen kleinen Buchstaben festzuklammern.

Um Worte ringend versuchte er dort etwas zu sagen. Doch das Ganze Werk fusste nur auf Hülsen die um etwas Kreisten, etwas worauf er hinweisen wollte. Was da sein musste. Worauf er nur mit ständigem Umkreisen deuten konnte.

Ein Ereignis

Guten Tag ich möchte ein Ereignis melden.

Melden Sie sich an Schalter drei, dort finden Sie den Richter.

Guten Tag ich möchte ein Ereignis melden.

Guten Morgen, sagte der Richter. Was für ein Ereignis?

Ein Erdbeben.

Hier wurde kein Ereignis gemessen, sagte der Richter.

Aber die Erde hat gebebt.

Dies kann nicht stimmen, murmelte der Richter und blätterte durch die Skalen. Wann soll es sich ereignet haben?

Gestern Nachmittag, es war zwanzig nach drei.

Viertel nach 3 . . .fünfzehn Uhr dreissig, murmelte der Richter. Er blätterte zwei Blätter hin und her. Es wurde nichts gemessen, es gab kein Erdbeben.

Aber die Erde hat gebebt.

Sie können keine Ereignisse melden die nicht gemessen wurden, sagte der Richter, packte die Skalen zusammen und ordnete sie wieder chronologisch in die Kiste ein.

Guten Tag.

Die Macht der Therapie

 

Eintrag des 14. Juli 2015

Die Durchsicht der Unterlagen der in Frage kommenden Patienten der beginnenden Gruppentherapie ist beendet. Es wurden vier männliche Patienten ausgewählt. Alle vier haben ein ähnliches Delikt begangen. Es geht bei allen vier Fällen um Beziehungsdelikte die mit dem Tod ihrer jeweiligen Partnerin endeten. Keiner von ihnen hat seit dem jeweiligen Delikt weitere Formen der Aggression gezeigt. Aufgrund der tiefen Rückfallquote von Tätern bei Beziehungsdelikten [siehe Studie X, in Magazin Y) wurde die Therapie von der Abteilungsleitung bewilligt. Da dies die erste auf diese Weise durchgeführte Gruppentherapie mit Tätern schwerer Gewaltdelikten ist, werden die Gruppengespräche für Forschungszwecke in anonymer Form aufgezeichnet.

Die Therapie beginnt am kommenden Montag um 14:00 im Sitzungszimmer 5 im Gebäude K.

 

Eintrag des 20. Juli 2015

Protokoll der Gruppentherapie, erste Sitzung

Die Therapeutin heisst die Teilnehmenden willkommen und stellt das Konzept der deliktorientierten Gruppentherapie vor. [siehe von der Autorin erstelltes Konzept im Laufwerk Q:\Konzepte\Therapie]

Therapeutin (G.): Beginnen wir also mit der entscheidenden Frage. Sie sind wieder in der gleichen Situation, wie zum Zeitpunkt als Sie alle ihre jeweiligen Partnerinnen getötet haben. Was stehen ihnen für andere Handlungsmöglichkeiten offen? Möchten sie beginnen Herr B.?

B. P. : Sicher. Ich finde ich habe seither viel dazu gelernt. Ich hätte den Hammer einfach weglegen sollen. Ich hätte das Haus verlassen sollen, diese Frau verlassen sollen und irgendwie neu anfangen müssen. Oder wenn ich dies nicht geschafft hätte, hätte ich früher mit einer Therapie beginnen sollen. Wir hätten früher eine Paartherapie machen sollen um zu lernen über unsere Probleme zu sprechen. Es gab so viele Möglichkeiten. Ich würde den Hammer sicher weglegen. Es geht doch darum sich selbst kennenzulernen, sich zu organisieren.

P. K. : Ich sehe das anders. Es musste so sein. Ich würde niemals jemanden anderes töten aber meine Frau hat die armen kleinen Kinder ertränkt. Ich musste sie ebenfalls ertränken. Es gibt keine andere Form der Gerechtigkeit. Ich könnte nicht damit leben, wenn die Mörderin meiner Kinder irgendwo in einer Gruppentherapie sitzen würde um darüber zu sprechen was sie für andere Möglichkeiten gehabt hätte.

D. M. : Nein, der Tod ist nie gerecht. Sie hätte sich vielleicht auch verändert werden können, so wie es ja mit uns versucht wird. Ich selbst hätte mich selbst besser unter Kontrolle halten sollen. Hätte mein Leben besser strukturieren sollen, da draussen ist alles so durcheinandergeraten. Deshalb habe ich sie auch erschossen, ich hatte keine Kontrolle und es gab niemanden der mich kontrolliert hat. Wenn ich wieder draussen bin, werde ich meinem Leben einen Rhythmus geben, wie hier drin. Meine grösste Angst ist, dass mein Leben wieder zu einem unkontrollierten Durcheinander wird. Wenn ich es schaffe mich an meine Routinen zu halten, gibt es keine solchen Situationen.

M. S. : Kontrolle, Kontrolle. Das hat nichts damit zu tun bei mir. Sie hat mich gedemütigt mit diesem Jungen. Die Mutter meiner Kinder. Ich habe sie erwischt. Was soll man denn da machen? Weggehen und ein neues Leben anfangen? Ein Scheiss. Ich bin normalerweise nicht gewalttätig aber wer mich auf diese Weise demütigt [. . .]. Sie wusste das ich nach Hause komme. Sie hatte das vorbereitet. Ich habe sie zusehen lassen wie ich zuerst ihn totgeschlagen habe. Ich war in Rage. Ich weiss nicht ob es andere Handlungsmöglichkeiten gibt. Ich musste sie töten, ich war so gedemütigt [. . .], es gab keinen anderen Weg in diesem Moment. Ich weiss nicht ob ich nun eine andere Möglichkeit hätte.

Therapeutin (G.): Wie Herr B. richtig gesagt hat, geht es darum sich selbst zu kennen. Man muss sich führen können, sich bewusst sein was man will und kann. In dieser Therapie werden wir deshalb lernen wie alle von euch es schaffen können sich zu beherrschen.

 

Kommentar zur Textidee

Verschiedene Konzepte aus Michel Foucaults Überwachen und Strafen werden als Charaktere dargestellt. Die unterschiedlichen Machttypen (Biopolitik, neue Politik des Körpers, Disziplinarmacht und die Macht des Souveräns) sitzen sich als Täter gegenüber und die Gouvernementalität gibt sich als Therapeutin den Auftrag die Verkörperungen der einzelnen Machttypen in produktivere Bahnen zu lenken.