Chomsky über die menschliche Heteronomie

“Die politische Vorstellung eines jeden wie auch seine Vorstellungen von gesellschaftlicher Organisation müssen letztlich in irgendeinem Konzept der menschlichen Natur und der menschlichen Bedürfnisse wurzeln. Nun habe ich das Gefühl, dass die wichtigste menschliche Fähigkeit die Fähigkeit zu und der Wunsch nach kreativer Selbstäusserung, nach freier Kontrolle aller Aspekte unseres Lebens und Denkens ist. Eine besonders entscheidende Verwirklichung dieser Fähigkeit ist der kreative Sprachgebrauch als freies Werkzeug des Denkens und des Ausdrucks. Wenn man so über die menschliche Natur und die menschlichen Bedürfnisse denkt, versucht man, Formen gesellschaftlicher Organisation zu konzipieren, die die freieste und vollständigste Entwicklung des einzelnen, der Möglichkeiten jedes einzelnen, in welche Richtung es auch sei, erlauben würden (…).” Aber “(n)ur in einer Kombination von Freiheit und Zwang stellt sich die Frage der Kreativität. Die Tatsachen lassen mich vermuten und mein Vertrauen lässt mich hoffen, dass es angeborene geistige Strukturen gibt. Gibt es sie nicht, sind die Menschen nur knetbare und zufällige Organismen, dann sind sie geeignete Objekte für eine Verhaltenskontrolle von aussen.” (Chomsky, Noam. (1973). Sprache und Geist. Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag)

 

Suche II

Die Unerreichbarkeit dessen – was allzu lange als reale Möglichkeit einer Existenz gegolten hat – jemals an einen Ort, in einen Zustand zu gelangen, wo sich ein Gefühl der Zufriedenheit, der Ruhe, der Sicherheit einstellen würde, wo sich das Wirrwarr lichten, die Eindeutigkeit des Seins und des Sinns zurückerkämpft werden könnten, birgt die schleichende Gefahr der Rastlosigkeit und Ermüdung.

Und vielleicht sind es seltene Momente des intensiv erlebten Selbstbetruges, welche vor dem Einschlafen bewahren. Jene ungenauen Augenblicke, bei welchen sich der schwere Nebel zu lichten scheint, wo ein Hauch Glückseligkeit die Ungewissheit in Gewissheit umzuwandeln meint, wo das umkreisen ein Ende finden soll. Vielleicht dort, wo das Zukünftige noch im Kommen steht, wo das Vergangene den Augenblick nicht durchbrechen mag. Um sodann unmerklich festzustellen, dass sich jene Momente nicht als Momente halten konnten, sich ebenso schleichend entzogen wie sie aufgetaucht waren, jedoch die Hoffnung hinterliessen, dem Moment auf die Spur gekommen zu sein.

Zurück, kreisend, schwankend, müde, rastlos, hoffend.

Vielleicht, peut-être, maybe. Haltend an das, was Sein vielleicht sein könnte.

 

 

 

Städtisch

Das Städtische ist eine Toleranzleistung, die es in wirklichen Städten am seltensten gibt, die aber mit der Stadtgründung zusammenhängt und immer wieder vorscheint. […] Die Sehnsucht nach Stadt tragen wir ins uns, als Idee.

-Alexander Kluge

Zufriedenheit

Der König stand allein unter dem weiten, blauen Himmel. Nichts befand sich zwischen ihm und dem Firmament. Unter ihm fand das Leben statt, er wusste Bescheid. Kannte alle Formen, alle Auswüchse, Typen, Gewächse, Tiere und er wusste wie die Menschen waren. Wie die Welt sein musste. Regelmässig merzte er aus, jätete sein Königreich wie ein Garten. Sämtliche Lebensformen die er nicht kannte mussten weichen, denn nur so konnte er alles kennen. Er wollte sie gar nicht sehen, diese Dinge die es gar nicht gab. Deshalb mussten sie im Schatten bleiben, vergraben werden. Es musste alles so sein wie es war, denn er wusste alles. Es gab nichts Böses in dieser Welt, alles war freundlich und der König war sehr zufrieden. Mindestens drei Mal pro Tag nickte er sich selber zu. Er war ein guter König.

Fusszeilen

Mit dem Ziel sich zu erklären, versuchte er den Plan hinter den Ausführungen in Fusszeilen auszuführen. Alles was er sagen wollte stand dort wie in Klammern. Wie ein reissenden Strom drohte ihn der Fluss der Worte von dem was er sagen wollte wegzureissen und alles was er tun konnte war sich an den in mikroskopischen kleinen Buchstaben festzuklammern.

Um Worte ringend versuchte er dort etwas zu sagen. Doch das Ganze Werk fusste nur auf Hülsen die um etwas Kreisten, etwas worauf er hinweisen wollte. Was da sein musste. Worauf er nur mit ständigem Umkreisen deuten konnte.

Ein Ereignis

Guten Tag ich möchte ein Ereignis melden.

Melden Sie sich an Schalter drei, dort finden Sie den Richter.

Guten Tag ich möchte ein Ereignis melden.

Guten Morgen, sagte der Richter. Was für ein Ereignis?

Ein Erdbeben.

Hier wurde kein Ereignis gemessen, sagte der Richter.

Aber die Erde hat gebebt.

Dies kann nicht stimmen, murmelte der Richter und blätterte durch die Skalen. Wann soll es sich ereignet haben?

Gestern Nachmittag, es war zwanzig nach drei.

Viertel nach 3 . . .fünfzehn Uhr dreissig, murmelte der Richter. Er blätterte zwei Blätter hin und her. Es wurde nichts gemessen, es gab kein Erdbeben.

Aber die Erde hat gebebt.

Sie können keine Ereignisse melden die nicht gemessen wurden, sagte der Richter, packte die Skalen zusammen und ordnete sie wieder chronologisch in die Kiste ein.

Guten Tag.

Die Vorwegnahme der Postmoderne: Musil zur Frage des Geistes im Jahre 1930

„Man kann die Dichter lesen, die Philosophen studieren, Bilder kaufen und nächteweise Gespräche führen: aber ist es Geist, was man dabei gewinnt? Angenommen, man gewönne ihn: aber besitzt man ihn dann? Dieser Geist ist so fest verbunden mit der zufälligen Gestalt seines Auftretens! Er geht durch den Menschen, der ihn aufnehmen möchte, hindurch und läßt nur ein wenig Erschütterung zurück. Was fangen wir mit all dem Geist an? Er wird auf Massen von Papier, Stein, Leinwand in geradezu astronomischen Ausmaßen immer von neuem erzeugt, wird ebenso unablässig unter riesenhaftem Verbrauch von nervöser Energie aufgenommen und genossen: Aber was geschieht dann mit ihm? Verschwindet er wie ein Trugbild? Löst er sich in Partikel auf? Entzieht er sich dem irdischen Gesetz der Erhaltung?“ (Musil, 1978, S. 152)

“Der Geist hat erfahren, dass Schönheit gut, schlecht, dumm oder bezaubernd macht. Er zerlegt ein Schaf und einen Büßer und findet in beiden Demut und Geduld. Er untersucht einen Stoff und erkennt, daß er in großen Mengen ein Gift, in kleineren ein Genußmittel sei. Er weiß, daß die Schleimhaut der Lippen mit der Schleimhaut des Darms verwandt ist, weiß aber auch, daß die Demut dieser Lippen mit der Demut alles Heiligen verwandt ist. Er bringt durcheinander, löst auf und hängt neu zusammen. Gut und bös, oben und unten sind für ihn nicht skeptisch-relative Vorstellungen, wohl aber Glieder einer Funktion, Werte, die von dem Zusammenhang abhängen, in dem sie sich befinden. Er hat es den Jahrhunderten abgelernt, daß Laster zu Tugenden und Tugenden zu Lastern werden können, und hält es im Grunde bloß für eine Ungeschicklichkeit, wenn man es noch nicht fertigbringt, in der Zeit eines Lebens aus einem Verbrecher einen nützlichen Menschen zu machen. Er anerkennt nichts Unerlaubtes und nichts Erlaubtes, denn alles kann eine Eigenschaft haben, durch die es eines Tages teil hat an einem großen, neuen Zusammenhang. Er haßt heimlich wie den Tod alles, was so tut, als stünde es ein für allemal fest, die großen Ideale und Gesetze und ihren kleinen versteinten Abdruck, den gefriedeten Charakter. Er hält kein Ding für fest, kein Ich, keine Ordnung; weil unsre Kenntnisse sich mit jedem Tag ändern können, glaubt er an keine Bindung, und alles besitzt den Wert, den es hat, nur bis zum nächsten Akt der Schöpfung, wie ein Gesicht, zu dem man spricht, während es sich mit den Worten verändert.” (Musil, 1978, S. 153ff)

“So ist der Geist der grosse Jenachdem-Macher, aber er selbst ist nirgends zu fassen, und fast könnte man glauben, daß von seiner Wirkung nichts als Zerfall übrigbleibe. Jeder Fortschritt ist ein Gewinn im Einzelnen und eine Trennung im Ganzen; es ist das ein Zuwachs an Macht, der in einen fortschreitenden Zuwachs an Ohnmacht mündet, und man kann nicht davon lassen.“ (Musil, 1978, S. 153ff)

Musil Robert. (1978). Der Mann ohne Eigenschaften. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt Verlag

Freundsche Vervisualisierungen

Arbeitsintegration ist ein Feld das von zahlreichen Wiedersprüchen geprägt ist. Diese Widersprüche treten immer wieder unverhofft an die Oberfläche.

Die Zitrone soll vor allem länger und geschickter ausgepresst werden.

Dies ist ein Referee (Schiri) und kein Coach, der hier mit Shaquille O’Neal spricht.

Und die faulen Äpfel?

Durch Beratung kommt es endlich zur göttlichen Erleuchtung?

Ähnliches Foto

Die Macht der Therapie

 

Eintrag des 14. Juli 2015

Die Durchsicht der Unterlagen der in Frage kommenden Patienten der beginnenden Gruppentherapie ist beendet. Es wurden vier männliche Patienten ausgewählt. Alle vier haben ein ähnliches Delikt begangen. Es geht bei allen vier Fällen um Beziehungsdelikte die mit dem Tod ihrer jeweiligen Partnerin endeten. Keiner von ihnen hat seit dem jeweiligen Delikt weitere Formen der Aggression gezeigt. Aufgrund der tiefen Rückfallquote von Tätern bei Beziehungsdelikten [siehe Studie X, in Magazin Y) wurde die Therapie von der Abteilungsleitung bewilligt. Da dies die erste auf diese Weise durchgeführte Gruppentherapie mit Tätern schwerer Gewaltdelikten ist, werden die Gruppengespräche für Forschungszwecke in anonymer Form aufgezeichnet.

Die Therapie beginnt am kommenden Montag um 14:00 im Sitzungszimmer 5 im Gebäude K.

 

Eintrag des 20. Juli 2015

Protokoll der Gruppentherapie, erste Sitzung

Die Therapeutin heisst die Teilnehmenden willkommen und stellt das Konzept der deliktorientierten Gruppentherapie vor. [siehe von der Autorin erstelltes Konzept im Laufwerk Q:\Konzepte\Therapie]

Therapeutin (G.): Beginnen wir also mit der entscheidenden Frage. Sie sind wieder in der gleichen Situation, wie zum Zeitpunkt als Sie alle ihre jeweiligen Partnerinnen getötet haben. Was stehen ihnen für andere Handlungsmöglichkeiten offen? Möchten sie beginnen Herr B.?

B. P. : Sicher. Ich finde ich habe seither viel dazu gelernt. Ich hätte den Hammer einfach weglegen sollen. Ich hätte das Haus verlassen sollen, diese Frau verlassen sollen und irgendwie neu anfangen müssen. Oder wenn ich dies nicht geschafft hätte, hätte ich früher mit einer Therapie beginnen sollen. Wir hätten früher eine Paartherapie machen sollen um zu lernen über unsere Probleme zu sprechen. Es gab so viele Möglichkeiten. Ich würde den Hammer sicher weglegen. Es geht doch darum sich selbst kennenzulernen, sich zu organisieren.

P. K. : Ich sehe das anders. Es musste so sein. Ich würde niemals jemanden anderes töten aber meine Frau hat die armen kleinen Kinder ertränkt. Ich musste sie ebenfalls ertränken. Es gibt keine andere Form der Gerechtigkeit. Ich könnte nicht damit leben, wenn die Mörderin meiner Kinder irgendwo in einer Gruppentherapie sitzen würde um darüber zu sprechen was sie für andere Möglichkeiten gehabt hätte.

D. M. : Nein, der Tod ist nie gerecht. Sie hätte sich vielleicht auch verändert werden können, so wie es ja mit uns versucht wird. Ich selbst hätte mich selbst besser unter Kontrolle halten sollen. Hätte mein Leben besser strukturieren sollen, da draussen ist alles so durcheinandergeraten. Deshalb habe ich sie auch erschossen, ich hatte keine Kontrolle und es gab niemanden der mich kontrolliert hat. Wenn ich wieder draussen bin, werde ich meinem Leben einen Rhythmus geben, wie hier drin. Meine grösste Angst ist, dass mein Leben wieder zu einem unkontrollierten Durcheinander wird. Wenn ich es schaffe mich an meine Routinen zu halten, gibt es keine solchen Situationen.

M. S. : Kontrolle, Kontrolle. Das hat nichts damit zu tun bei mir. Sie hat mich gedemütigt mit diesem Jungen. Die Mutter meiner Kinder. Ich habe sie erwischt. Was soll man denn da machen? Weggehen und ein neues Leben anfangen? Ein Scheiss. Ich bin normalerweise nicht gewalttätig aber wer mich auf diese Weise demütigt [. . .]. Sie wusste das ich nach Hause komme. Sie hatte das vorbereitet. Ich habe sie zusehen lassen wie ich zuerst ihn totgeschlagen habe. Ich war in Rage. Ich weiss nicht ob es andere Handlungsmöglichkeiten gibt. Ich musste sie töten, ich war so gedemütigt [. . .], es gab keinen anderen Weg in diesem Moment. Ich weiss nicht ob ich nun eine andere Möglichkeit hätte.

Therapeutin (G.): Wie Herr B. richtig gesagt hat, geht es darum sich selbst zu kennen. Man muss sich führen können, sich bewusst sein was man will und kann. In dieser Therapie werden wir deshalb lernen wie alle von euch es schaffen können sich zu beherrschen.

 

Kommentar zur Textidee

Verschiedene Konzepte aus Michel Foucaults Überwachen und Strafen werden als Charaktere dargestellt. Die unterschiedlichen Machttypen (Biopolitik, neue Politik des Körpers, Disziplinarmacht und die Macht des Souveräns) sitzen sich als Täter gegenüber und die Gouvernementalität gibt sich als Therapeutin den Auftrag die Verkörperungen der einzelnen Machttypen in produktivere Bahnen zu lenken.

Wahrheit (Anmerkungen zur Suche)

Die scheinbare Möglichkeit darauf zu stossen, nach ihr graben zu können, sich seiner selbst als “wahr-sein-können” gewahr zu werden, das jeweilig Echte, einzig möglich Wahre auffinden zu können. Die Hoffnung, dass sich, falls sie sich finden lässt, daraus ein Gefühl der Vollkommenheit, ein Gefühl des Ankommens, gar der Reinheit, des „Eins-seins“, eben ein Gefühl des „Wahrheit-erfahrens“ einstellen würde; wohl daher das Wort „Selbst-ver-wirklich-ung“.

Was dem, so tönt es, im Wege zu stehen scheint, ist die Unumgänglichkeit des Werts, der Einteilung, der Zuweisung, die Einschreibungen der Sprache, welche die Unmöglichkeit des Dings an sich, des Dings ohne Wert und damit (zumindest in Bezug auf diesen Text) unaufhaltsam die Möglichkeit von Wahrheit verschlingt. „Weil er Dinge ohne Wert, die wirklich und einfach da waren, nicht entdecken konnte.“

Zu zweit, in einem illusionären Akt der Liebe schien ein Loch, ein Ort der Sprachlosigkeit, des Wertlosen, des Uneingeteilten sich zu eröffnen. Dort wo die Sprache versagt, das unsagbare unsagbar bleibt, wo sich die Einteilungen zu entziehen scheinen, im Kommen bleiben, wo das Ereignis stattfindet, sich ankündigt ohne Ankündigung. Wo Vor-und Nachzeitigkeit zu einem Moment verschmelzen sollten.

Vielleicht dort, wo ich sie (sei es nun die Liebe, der Andere, die Wahrheit, mich Selbst) immer schon verloren habe!

 

Suche!

Er suchte wohl nach etwas Wirklichem. Nach etwas dem er nicht selbst zuerst einen Wert zusprechen musste. Zur Suche ging er auf Reisen, doch in fremden Ländern fand er nur andere Systeme um den Dingen, Menschen und Verhaltensweisen Werte zuzuschreiben.

Er versuchte in sich hinein zu gelangen und aus sich heraus zu kommen. Er versuchte mit jemandem zusammen die Wirklichkeit aus einem Kraftakt der Liebe heraus als Illusion heraufzubeschwören, was für einen flüchtig erscheinenden Moment gelang. Er suchte nach sich selbst, seinem wirklichen Selbst. Er wollte sich verwirklichen. Er kämpfte sich von narzisstischen Trugbildern zu als Chimären auftretenden Scharlatanen, um zu sehen und zu hören, wer er denn wirklich sei.

Er veränderte sein Leben immer wieder, versuchte etwas zu erschaffen das wirklich war. Doch aus dem utopischen Wunsch nach Selbstverwirklichung, wurde eine pragmatische Planung der Selbstverwertlichung – weil er Dinge ohne Wert, die wirklich und einfach da waren, nicht entdecken konnte.

Die Bilder wurden in diesem Text ausserhalb des ursprünglichen Kontextes eingesetzt und stammen aus: Shaun Tan The Arrival

Machtwortspiele Ihrer Gesundheit

In diesem Beitrag soll die Idee des Machtworts und dessen Subversion an einem Beispiel durchgespielt werden.

Wie wird die Sicht  «auf das Referenzobjekt dahingehend beeinflusst, dass eine der Sache selbst fremde Diskurs- oder Handlungslogik durchgesetzt wird»? Eine solche Einflussnahme könnte beispielsweise dann vorliegen, wenn innerhalb einer diskursiven Formation (im Sinne eines Gesellschaftszweigs mit eigenen Sprachregeln), die Bedeutung der Wörter aus der Perspektive der Logik einer anderen diskursiven Formation gedeutet werden.

Nun zu unserem Beispiel: Dem Gesundheitswesen. Hier soll untersucht werden, wie die erwähnte Einflussnahme von ausserhalb auf die diskursive Formation des Gesundheitswesens aussehen könnte und wie durch Sprachspiele Widerstand dagegen geleistet werden kann.

Im Gesundheitswesen geht es darum, den Zustand «gesund» bei Personen zu erhalten, ihn herzustellen oder Abweichungen von diesem Zustand zu begleiten. Doch was bedeutet «gesund»? Bereits für die Antwort dieser Frage ist die Medizin und Pflege auf diskursive Formationen ausserhalb des Gesundheitswesens angewiesen, da Gesundheit kein rein physiologischer Zustand ist. Trotz verschiedener diskursiven Formationen scheint es eine gemeinsame Definition von Gesundheit zu geben. So würden sicherlich die meisten Menschen dem ersten Teil der Gesundheitsdefinition der WHO von (1948) zustimmen:

“Gesundheit ist ein Zustand völligen psychischen, physischen und sozialen Wohlbefindens und nicht nur das Freisein von Krankheit und Gebrechen.”

Weit weniger Konsens besteht darüber, wie die Zielgrösse “gesund” erreicht oder erhalten werden kann. So würde in vielen diskursiven Formationen der zweite Teil der Gesundheitsdefinition der WHO in dieser Form kaum geteilt:

“Sich des bestmöglichen Gesundheitszustandes zu erfreuen ist ein Grundrecht jedes Menschen, ohne Unterschied der Rasse, der Religion, der politischen Überzeugung, der wirtschaftlichen oder sozialen Stellung.”

Die Frage nach den geeigneten Mittel für die Zielerreichung wird durch die Diskurse der Politik, der Ökonomie, der Sozialversicherungen und des Rechts ständig neu ausgehandelt. Daraus ergibt sich anschliessend eine Art Auftrag an das Gesundheitswesen.

Weil momentan die Ökonomie mehr Deutungsmacht hat als beispielsweise die Psychologie, hat die Spitex-Krankenschwester aufgrund der ökonomischen Logik der Effizienz keine Zeit, sich mit Patienten länger als einige Minuten zu unterhalten. Dies obwohl aus der Sicht anderer diskursiver Formationen, wie der Psychologie oder der Pflege, ein Gespräch pro Tag viel zum Erreichen und erhalten des Zustandes «gesund» von Personen beitragen könnte.

Eine Ökonomin oder ein Ökonom, der oder die ein Spital leitet (insbesondere wenn es bereits privatisiert [lat. privare “trennen”, “berauben”] wurde), wird die Wörter des Sprachspiels Gesundheitswesen anders deuten als eine Ärztin oder ein Pflegefachmann in der gleichen Position. Aus einer ökonomischen Perspektive geht es im Gesundheitswesen um Gesundheitsmanagement, um eine möglichst effiziente und effektive Erhaltung und Erreichung eines vorgegebenen Zustandes. Also mit möglichst wenigen Mitteln ein bestimmtes Ziel zu erreichen. Medizinisches Personal hingegen würde, zumindest in meiner Vorstellung, eher versuchen, mit den vorhandenen Mitteln möglichst viel zu erreichen. Wir haben es also hier mit Formationen zu tun, die um die Bedeutung von Worten kämpfen. Der Ökonomie gelingt es dabei zunehmend, ihre eigenen Signifikanten wie Management, Effizienz und Produkt in Diskurse einfliessen zu lassen, die diese Wörter vorher gar nicht kannten.

Diese typischen Machtwörter lassen sich sehr einfach als Spiel verstehen. Sie werden ständig mit verschobener Bedeutung verwendet. Für medizinisches Personal bedeutet Effizienz hoffentlich gar nicht, ein bestimmtes Ziel mit möglichst wenigen Mitteln zu erreichen, sondern eben genau anders herum mit den vorhandenen Mitteln möglichst viel zu erreichen. Ein Feldarzt in einem Lazaret wird beispielsweise versuchen mit seiner beschränkten Zeit und den unzureichenden Mitteln so viele Kriegsverletzte zu retten wie möglich.

Randgedanke: Das ethische Fundament der Medizin ist eigentlich auf eine Welt ausgelegt, in der der Medizin nur unzureichende Mittel zur Verfügung stehen, mit den heutigen Voraussetzungen (technologischer Fortschritt, erleichterter Zugang, Mobilität) ist diese Form der Ethik möglicherweise nicht mehr immer kompatibel.

In diesem Zusammenhang wäre es interessant, bei der Pflege zu schauen, wie bei der Verschiebung der «Haupteinflussformation» von der Religion (sichtbar an der Tradition der Diakonie beispielsweise im heute ebenfalls privatisierten Salem Spital) zur Ökonomie (sichtbar an den Titeln des Verwaltungsrates und der Geschäftsleitung im Lindenhofspital) die einzelnen Wörter ausgetauscht wurden und wie sich die Bedeutungen der Wörter, die geblieben sind, gewandelt haben. Was bedeutete Pflege für die Diakonin (vielleicht Helfen im Auftrag einer höheren Macht) und was bedeutet Pflege für Pflegende, die später ein Studium an der HSG absolviert haben (möglicherweise ein Markt, den es zu erschliessen und zu verwalten gilt)?

Wie können aber die Machtwörter nun verwendet werden, ohne den «Habermas’schen Geltungsansprüchen der Wahrheit, Richtigkeit und Wahrhaftigkeit zu genügen»? Indem sie ungeklärt bleiben. Indem nicht ausgehandelt wird, dass unter Pflege alle einen Markt verstehen (oder ein religiös motiviertes Helfen). Indem nicht (!) vom Gleichen gesprochen wird. Indem die eigene Arbeit als das verstanden wird, weshalb man einen Beruf gewählt hat, und indem diese Uneinigkeit ausgehalten und gelebt wird. Indem diese Wörter trotzdem verwendet werden, mit den eigenen, oftmals persönlichen Bedeutungen. So gewinnen die Symbole an Eigenleben und der diskursive Übergriff der Machtworte wird durch das beschriebene Sprachspiel behindert.

Machtwort und Wortspiel

Gemeinhin wird Sprache als Mittel verstanden, als Möglichkeit, Bezug zu nehmen auf eine vorsprachliche Ebene. Interessanter scheinen Fälle, in denen das Wort die eigene Referenz bestimmt oder sich von der Referenz entfernt. In beiden Fällen gewinnt die Sprache ein Eigenleben. Den ersten Fall nenne ich Machtwort, den zweiten Wortspiel.

Zum Machtwort: Ein Machtwort liegt dann vor, wenn das Wort die Sicht auf das Referenzobjekt dahingehend beeinflusst, dass eine der Sache selbst fremde Diskurs- oder Handlungslogik durchgesetzt wird, der man sich zu beugen hat, oft gebildet durch wortgewaltigen Populismus oder konsistente sozialwissenschaftliche Konzepte. Dabei wird ein eindeutiges Wort einem dem Begriff fremden oder zumindest nicht eindeutigen Gegenstand gewissermassen übergestülpt. Ein bestimmtes Sprachspiel dominiert dann die aussersprachliche Lebenswelt und verändert diese. Dies ist das Mittel der Hegemonie.

Zum Wortspiel: Ein Wortspiel birgt die Möglichkeit, Machtworte zu sabotieren, indem Mann oder Frau das Sprachspiel mitspielt, damit verständlich bleibt, ohne jedoch den Habermas’schen Geltungsansprüchen der Wahrheit, Richtigkeit und Wahrhaftigkeit zu genügen. Die Symbole entleeren sich und gewinnen ein Eigenleben. Dies ist das Mittel des sprachlichen Widerstands, um den Übergriff durch Machtworte zu verhindern. Dieser Widerstand kann dabei sehr kalkuliert, aber durchaus auch unbewusst stattfinden.

Dies soll ein Anstupser sein an b2, lieber am Stutz als im Schmutz, Schwäfu-Dävu und Magic Mike, zu diesem Konzept Stellung zu beziehen, es zu vernichten, es zu erweitern, Beispiele anzufügen oder es in den Wind zu schlagen.